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Adlergeschichte

Kennen Sie die Geschichte vom Adler auf dem Hühnerhof?
Ein kleiner Adler wuchs auf einem Hühnerhof auf. Eine Bäuerin hatte ihn mutterseelenallein im Wald gefunden und mit auf den Hof genommen. Hier lebte er inmitten von Hühnern. Nie hatte er sein Hühnerdasein hinterfragt, denn die Hühner waren seine Familie. Der Adler pickte nach Körnern, ging zur Wasserstelle und abends mit den Hühnern schlafen. Den Hühneralltag zu leben, war für den Adler nicht einfach. Was den Hühnern so leicht zu fallen schien, war für ihn eine große Anstrengung. Eines Tages kam eine Wanderin am Hühnerhof vorbei. Sie fragte: „Warum lebst du hier? Du bist ein Adler. Warum bleibst du am Boden, obwohl dir Flügel zum Fliegen geschenkt wurden?“
Der Adler wusste auf diese Frage keine Antwort. Immer wieder dachte er darüber nach, was die Frau gesagt hatte:  „War er anders als die anderen? Fühlte er sich deshalb oft nicht dazu gehörig, am „falschen“ Platz? Ach was“, rief er sich selbst zur Vernunft, “ ich bin hier zuhause, ich bin wie die anderen Hühner und Hühner können nicht fliegen, basta.“
Noch viele Male kam die Wanderin am Hühnerhof vorbei, sie sprach nicht mehr mit dem Adler,  doch spürte sie jedes Mal seine Sehnsucht. Eines Tages fragte er vorsichtig: „Und Du meinst wirklich, ich könnte fliegen?“ „Ja“, sagte die Wanderin, „und wenn Du magst begleite ich Dich ein Stück auf deinem Weg, es herauszufinden.“
Der Adler brauchte noch Zeit, bis er den Mut dazu fand. Als der Tag gekommen war, kam die Wanderin zur verabredeten Zeit auf den Hof. Jetzt überfielen den Adler erneut Angst und Zweifel: „Was passiert mit mir? Was tue ich hier eigentlich? Sollte ich nicht lieber hier bei den Hühnern bleiben?“ Der Adler schaute zurück zum Hühnerhof.  Er hatte jetzt die Möglichkeit, das Fliegen zu versuchen. Doch er schaffte es nicht. Verwirrt hüpfte er, so schnell er konnte, zurück zu den Hühnern.
Die Wanderin hatte viel Geduld mit dem Adler und drängte ihn nicht. Als sie das nächste Mal kam, stieg er mit ihr auf eine kleine Anhöhe. Dort sagte sie zu ihm: „Flieg. Du gehörst in die Lüfte. Spüre deine Kraft, nutze deine Flügel und erprobe dein Adler-Sein.“ Der Adler schaute unsicher nach unten. „Was soll das Ganze? In der Luft bin ich allein. Das ist viel zu gefährlich. Ich muss sofort zurück.“ Als er ihren ermutigenden Blick sah, nahm er jedoch seinen Mut zusammen und sprang – er fiel mehr als dass er flog. Doch er spürte, wie seine Flügel ihm halfen, sanft zu landen.
Es folgten noch einige Versuche. Der Adler wurde mutiger. Und eines Morgens als sie wieder auf der Anhöhe standen, sah er drei Adler, die majestätisch ihre Kreise am blauen Himmel zogen. Ein unbändiges Verlangen überkam ihn. Der Adler sah zurück zum Hühnerhof, dann  blickte er zum Himmel. „Könnte es sein, dass dies meine Welt, meine Bestimmung ist?“ fragte er sich.
Erneut meldeten sich  Zweifel: „Was verspricht mir das Leben in den Lüften? Kann ich überhaupt fliegen? Nehmen die anderen Adler mich ernst? Werde ich überleben?“ Er zögerte erneut. Dann sah er zur Sonne und ohne zu überlegen, stieß er sich kraftvoll ab, glitt in die Luft, mit Leichtigkeit flog er höher und höher. Sofort fühlte er sich in seinem Element.
Den Hühnerhof überflog er noch manchmal, und schaute liebevoll hinab. Er war ein Adler und hatte Flügel zum Fliegen. Jetzt hatte er seinen angemessenen  Platz gefunden.

In Anlehnung an eine Fabel von James Emman Kwegyir Aggrey (1875), Ghana.

Die Adlergeschichte als Download (123 kb)